„Nun ist sie endlich erwachsen!“ (von Olaf Schau)


„Nun ist sie endlich erwachsen (glaubt sie)!“ oder wieder „Volle Pulle ans Meer!“

Nun mit schon etwas Abstand zum Fichkona-Langstreckenwochenende des Jahres möchte ich einen zusammenfassenden Rückblick auf den Wahnsinnsritt werfen.

Das Teilnehmerfeld war mit 185 Teilnehmern (darunter 95 Ersttäter) wieder knapp übervoll, darunter diesmal 7 Damen. Der bislang absolut älteste Teilnehmer war Hans Tauer mit 76 Jahren, immerhin 3 Jahre älter als „Fichkona-Opa“ Klaus Strehle, welcher bereits seine 14. Teilnahme bestritt. Damit ist letzterer endgültig als „unheilbar süchtig“ zu bezeichnen, nachdem er nach der Fichkona 2014 noch am Abend auf dem Campingplatz seinen Rücktritt vor allen Anwesenden verkündet hat. Nun quasi der Rücktritt vom Rücktritt. Und er hat mir auch gerade schon wieder Startambitionen für 2016 verkündet. Dagegen war unser jüngster Teilnehmer gerade mal 22 Jahre jung.
Streckenlänge: geplant 615 Kilometer, tatsächlich ca. 620 Kilometer
Unterwegs gab es 3 Totalaufgaben. Ca. 25 Teilnehmer und damit ungewöhnlich viele, pausierten zwischenzeitlich wegen Verletzungen, Pannen oder Krämpfen/Ermüdung in den Begleitfahrzeugen.

Zielzeiten der einzelnen Gruppen:
1. Gruppe 21:32 Stunden (ca. 30 Teilnehmer)
2. Gruppe 24:23 Stunden (ca. 65 Teilnehmer)
3. Gruppe 25:50 Stunden (ca. 55 Teilnehmer)
4. Gruppe 27:05 Stunden (ca. 33 Teilnehmer)

Achtzehn Jahre alt zu werden musste begossen werden, dachte sich wohl Petrus und schickte schon am Fichtelberg vor dem Start etwas ganz leichten Regen vorbei. Da allerdings die neu gestalteten Fichkona-Badetücher nicht gleich ihrer Bestimmung dienen sollten, erfolgten das Einschreiben und die Ausgabe der Startunterlagen seit Jahren wieder mal im Foyer des Hotel Fichtelberghaus. Nach üblichen Begrüßung begleitet von den wichtigsten Hinweisen zur Fahrt (leider kommt da eben nicht alles in der Realität an, auch wenn es vorab schon zum Nachlesen verschickt wurde) stellten sich alle angehenden Langstreckenradler zum Gruppenfoto auf. Endlich war dann auch unser Glöckner mit Gehilfen da und so sprach der Glöckner von Annaberg erstmals ein paar Worte an alle „euch, die den langen Weg zur Ostsee mit dem Rad fahren wollt“ und schickte sie mit Gottes Segen auf die unglaublich lange Strecke. Dann ertönte vor dem Start für 10 Minuten das tiefgehende Leuten der Friedensglocke vom Fichtelberg. Es beruhigt und gibt Energie und Kraft.

Zehn, neun, acht,… drei, zwei, eins und Looooos! Unter Jubel rollen alle „FernfahrerInnen“ Richtung Ostsee los. Maximal mit 60 Sachen den Fichtelberg hinunter, denn schneller wird´s gefährlich. Und wie jedes Jahr gibt es wieder eine teilweise neue Strecke, denn noch nie rollten wir auf einer identischen Route nach Norden! Diesmal gibt es zwei größere Umleitungen. Wegen einer Straßenbaustelle vor Ehrenfriedersdorf haben wir uns entschlossen eine viel weniger befahrene Strecke aus dem Erzgebirge zu nehmen. Ich freute mich ehrlich darauf, so mal mit allen Teilnehmern dem oft dicken Verkehr auf der B 95 aus dem Weg „zu fahren“ und durchs liebliche Erzgebirge zu rollen, was aber eben mit seinen zahlreichen Bergen ein wahrlich „garstige“ Seite hat. Das Fahrerfeld zog sich bis zur ersten Pinkelpause am Erlebnisbad Geyer weit auseinander. Sammeln und geschlossen weiter. Was war denn das auf der Straße? Schatten!? Ja es schien doch nicht etwa die Sonne durch Wolkenlücken! Doch man soll den Vormittag nicht vor dem späten Vormittag loben, denn der hatte schon einen satten Regenguss bis kurz vor Chemnitz parat. So war es wohl ein guter Hinweis vorm Start, das Mitnehmen einer Regenjacke zu empfehlen! Von Thum ging es nach dem letzten längeren Erzgebirgsanstieg eine lange schnelle Abfahrt und dann dem erneuten Sammeln vor der Stadtdurchfahrt von Chemnitz entgegen, zu welcher sich die Crew kurzfristig entschlossen hatte. Denn ein großes Feld rollt flotter durch die Stadt und es gibt bloß einmal eine Einschränkung für die anderen Straßennutzer. Natürlich gab es bis dahin schon die ersten platten Reifen, aber entweder wurde schnell wie bei den Profis ein mitgeführtes Ersatzlaufrad getauscht oder im Begleitfahrzeug der Schlauch gewechselt.

Flott rollt es dann die Chemnitztalstraße entlang, wo sich die Gruppen eigentlich bilden sollen. Über die folgenden Hügel riss dann das Gesamtfeld etwas auf, aber es rollte trotzdem annähernd geschlossen an der 1. Verpflegung kurz vor Rochlitz ein. Nach dem Stärken für den nächsten Abschnitt wurden ab hier die 4 Gruppen im 5-10 minütigen Abstand einzeln auf die weitere Strecke geschickt. Und das ist bei der Fichkona einfach mal so, dass es bis hier gewöhnlich etwas hektisch und wilder zugeht, als man es von einer nun schon „erwachsenen“ ultralangen Radtour erwarten sollte. Ist aber selbst für eine sehr erfahrene Crew kaum zu lenken, da die Tour immer noch von den Radfahrern selbst gefahren wird! Denkt an der Stelle wirklich mal etwas mehr an die gemeinsame Fahrt, als an das Ankommen! Gilt ab hier für jede einzelne Gruppe und den Appell muss ich besonders mal für 2015 bekräftigen, wo es doch einige Kritik am Zusammenspiel innerhalb der Gruppen 1-3 gab. Glaubten wir auch kaum unseren Augen zu trauen, als dann geschätzte 90 Radler als Gruppe 2 losrollten und die Gruppe 4 aus lediglich 13 ausdauernden Athleten bestand. Die sollten dann von ihren 4 Betreuern das zusätzliche extra Maß an Beachtung bekommen (bis das Schlussfahrzeug beim Überholt werden angerempelt wurde; durch Aufnahme des Unfalles durch die Polizei vergingen über 90 Minuten, zwischenzeitlich hat natürlich ein Springerfahrzeug ausgeholfen). Die Gruppen 2-3 pegelten sich dann aber bis zum Ziel auf die geplante Größe ein und die Gruppe 4 erreichte auch die vorgesehene Stärke. Das zeigt allerdings sehr deutlich, dass dem geplanten Gruppentempo nicht gewachsene Teilnehmer sich einer flotteren Gruppe angeschlossen haben. Meist wird dann allerdings nur am Ende des Feldes im Windschatten gefahren und nicht selten müssen dann immer wieder kleine Gruppen abreißen lassen. Das heißt dann vorn wieder das Feld mit Hilfe des Begleitfahrzeuges bremsen. Und das wiederholt. Klar dass das nervt! Aber realistische Selbsteinschätzung würde hier ALLE Gruppen schneller machen, denn die etwas langsameren Fahrer fahren dann in ihrer richtigen Gruppe, so dass alle einfach mal mehr oder weniger die Führungsarbeit im Wind übernehmen. Tut einfach Allen gut. Und ihr könnt das, was wir ja aus dem Vorjahr wissen! Das Windschattenfahren hinter dem Führungsfahrzeug ist eindeutig von uns aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt (Mindestabstand 20 Meter). Fichkona ist Fahren im geschlossenen Verband, wo gegenseitige Rücksicht und Hilfe eine stärkere Bedeutung haben. Keiner kann erwarten, dass unsere Capitanos das dann richten können! Allein oder im Minigrüppchen würden wohl die wenigsten die Strecke nonstop bewältigen. Das musste jetzt einfach mal geschrieben werden.

Aber nun genug mit dieser kleinen Standpauke; es war wieder eine ganz große und bewegende Fahrt mit euch! Die Gefühle dürfen allerdings erst kurz vorm Ziel raus, denn bis dahin ist die Anspannung einfach im Vordergrund.
Weiter auf der Strecke: Von Rochlitz ab werden die Hügel weniger, kürzer und flacher, bis in Grimma am Ortsausgang der vorerst „letzte Berg“ kommt. Nach einer Kurz-Rast ohne Küchenfahrzeuge in Trebsen, war die 2. Verpflegung dann an die Tankstelle in Kemberg umgezogen. Das Büffet war aufgebaut und in der Sonne streckte sich der eine oder andere auf der Wiese aus. Die Fichkona-Welt schien in bester Wetter-Ordnung. Doch Petrus machte seine Drohung auf feucht-wenig fröhliches Feiern war, doch bei noch angenehmen über 20 °C und etwas Gegenwind war das noch zu tolerieren. Also ging es ab etwa Wittenberg nach der Überquerung der Elbe durchnässt auf die teils schnurgerade Strecke durch Spargelfelder Richtung Potsdam. Die kurze Umfahrung einer Baustelle in Michendorf löste sich auf etwas Kopfsteinpflaster auf, welches auf der Strecke seit 1998 bedrohlich abgenommen hat ;-) Es gibt nur noch Sagard, leider noch kein Weltkulturerbe!

Mit Polizei-Motorradeskorte mit Blaulicht wie immer flott und ohne Ampelstopps flott durch die ehemalige Residenzstadt mit den breiten Straßen, welche von einem vorherigen Starkregen sauber gewaschen waren. Das ist das Stück Motivation und extra Gefühl „Wir sind wer!“ was auch die Energie zum Durchhalten für die anstehende Nacht freisetzt. Die Etappe nach Gransee ist lang, Halbzeit mit 308 gefahrenen Kilometern in Falkensee, allemal schon eine überlange Tagesetappe, aber es ist immer noch verdammt weit bis zum Meer. Doch von Müdigkeit ist wenig zu spüren, es wird still und unverdrossen gekämpft, besonders in der Gruppe 4. Da wippen auch keine Köpfe mit, als ZZ-Top aus den Autoboxen wummert… Hans Tauer, der nach dem Erzgebirge sich zur Erholung ins Auto rettete, nun aber seit Kemberg wieder rollt, sowie auch Klaus Strehle strampeln ohne Unterlass in die Pedale! Endlich Nachtrast, die etwas längere Pause, egal ob von Vorteil oder nicht, die meisten genießen den Kaffee oder kotzen angesichts der Strapaze. Allerdings aufgeben tut keiner! Los auf die Sättel und weiter durch die Mecklenburger Nacht. Mit 14 °C sind erstaunlich milde Temperaturen, aber als es dann um Neubrandenburg wieder heftigst zu regnen beginnt und nur noch 10 °C sind, wird es widerlich und ab Altentreptow sind die Plätze in den Begleitfahrzeugen der Gruppen 3 und 4 fast vollständig belegt. In wirklich allen Gruppen bereitet die durchnässte Bekleidung mit der Kühle der Morgenstunden und dem Erschöpfungsgrad Probleme. Schlotternd stehen die meisten an der Verpflegung. Kaum hat auch noch einer trockene Wechselsache im Bekleidungsack; alles ist durch den wiederholten Regen nass. Noch eine Umleitung auf winzigen Straßen im Mecklenburger Hinterland. Die Werftgebäude und die Rügenbrücke von Stralsund kommen in den Blick. Nach dem völlig „ausgefallenem“ Sonnenaufgang, lugt dieselbe nun vorsichtig durch die Wolken. Ich greife mal vor: Es wird immer besser und am Kap ist strahlende Sonne und kein Grund nicht in Juliusruh baden zu gehen. Die letzten Gruppen bremsen zu der Tageszeit natürlich enorm den Verkehr aus und mit der Vier haben wir einmal Platz gemacht und eine Zwangspause. Hier wird es wohl sicher eine Streckenvariante in 2016 geben, denn das macht beiden Seiten keinen Spass! Nach Sagard konnten wir dann unsere Pausierer alle aus dem Auto heraus motivieren, egal das Limit 26 Stunden ist lange durch und es wird wohl kaum noch unter 27 Stunden, aber 2 Umleitungen und Regen und Wind bremsten auch die Gruppe 1 enorm im Vergleich zu 2014 aus. Alle nehmen es dankbar an, so unter Jubel ins Ziel am Leuchturm vom Kap Arkona zu rollen!

Dank an alle Teilnehmer, wie ihr das unter den Bedingungen wieder geschafft hat! Klar unsere Küchencrew kocht den besten Langstreckenkaffee, aber treten müsst ihr immer noch selbst! Habt ihr übrigens die tollen Schürzen bemerkt?
Die beste Geschichte schrieb 2015 wohl Klaus-Peter Müller aus Johanngeorgenstadt, was zeigt, dass die Idee und den Traum die ehemalige DDR von Süd nach Nord zu durchrollen, so neu nicht ist. Nachzulesen ist sie in der Startplatzhilfe. Da gibt es auch weitere schöne Bewerbungen zu lesen.

Danksagung: – an die beste Fichkona-Crew der Welt – keine Profis, aber sie geben ihre Freizeit für diese Tour – an unsere ausdauernden Unterstützer und Sponsoren – allen Fans an der Strecke, welche jedes Jahr zahlreicher werden! – und und und!

Im nächsten Jahr Ende Juni dann ohne Regen und Gegenwind zum Kap; die Vorbestellung ist raus!

Einen schöne zweite Jahreshälfte wünscht
Olaf und Crew