Alles nur Kopfsache ... (von Mathias Bode)




Rückblende 1: Es geht durch den Geisterwald, irgendwo kurz vor dem Nirgendwo. Der Sonntag ist gerade eine halbe Stunde alt. Ich sitze auf meinem Rad, atme die frische Nachtluft ein und fühle mich eigentlich pudelwohl. Das war in den vergangenen zwölf Stunden nicht immer so. Mittlerweile bin ich nämlich so lange im Sattel und habe auch etwas mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke vom Fichtelberg zum Kap Arkona hinter mir. Wie konnte es soweit kommen? Soweit, das mich Triathlonfreund Basti
fragte: Machst du noch einen Bericht zu deiner total kranken 616km Tour?“
Im Prinzip fing es vor drei Jahren an, als ich beim Bergsteiger-Triathlon in Mandelholz mit Jan quatschte. Ich hatte zwar schon mal von der FichKona gehört, aber er war einer der leibhaftigen, die schon mal auf diesem Trip unterwegs waren. Es brauchte dann drei Jahre hoffen auf Anmelde- und Losglück, um einen der 180 Startplätze zu erwischen. Jawohl, es gibt mehr Interessenten als Startplätze! Für 2015 hat es dann aber geklappt. Logistische Abenteuer war ich von meinen Frühjahrsklassiker-Abenteuern gewohnt, war hier aber gar nicht nötig, da die Organisatoren an alles gedacht haben. Man fährt im Prinzip Samstag früh mit dem Auto zum Fichtelberg, parkt dort, steigt gegen 10 Uhr bei den Klängen der Friedensglocke auf das Rad und kommt 24h später am Kap Arkona an. Übernachtet dort bis Montag früh und wird bequem im Reisebus zurückchauffiert. Es soll aber auch schon Leute gegeben haben, die das Ganze per Rad zurückfuhren…
Rückblende 2: Kurz vor Beelitz zieht bei mir jemand den Stecker, es geht nichts mehr. Es sind gerade mal 270km vorbei. Ich trete und trete und bin plötzlich am Ende des Feldes, ich spüre das Begleitfahrzeug hinter mir und trete noch mehr. Es nützt nichts: Hungerast, totale Leere, bescheuerter Anfängerfehler. Eben noch mopsfidel, finde ich mich im Begleitfahrzeug wieder. Zum Glück ist der Verpflegungspunkt kurz vor Potsdam nicht weit.
Das Begleitfahrzeug wird von Olaf Schau gesteuert. Der hat sich das ganze Unternehmen ausgedacht und organisiert das mit vielen Freiwilligen jedes Jahr wieder mit Perfektion und hohem persönlichen Engagement. Im Auto bekomme ich auch mit, was es heißt, einen ganzen Tag lang mit Tempo 30 ein paar Radfahrern hinterher zu zuckeln.
Außerdem lerne ich Klaus kennen, der von Muskelkrämpfen geplagt, auch eine kleine Auszeit nimmt. Er macht mir Mut. Warum? Erstens ist er schon 73, hat die FichKona schon 14 mal mitgemacht und prima Reiskuchen dabei. Sieht zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig aus, füllt aber meinen leeren Tank wunderbar wieder auf.
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Im Prinzip geht die FichKona ja ständig bergab ab, von den 1.215m des Fichtelbergs bis auf „null“. Man sollte sich aber nicht täuschen, hinter dem „bergab“ verstecken sich knappe 4000Hm. Durch das Erzgebirge und im Muldental verstecken sich so einige körnerfressende und giftige Anstiege, ehe man nach ca. 200km in den Bereich der Dübener Heide und damit in ins „Flachland“ einreitet.
Radsport ist eigentlich ein Mannschaftssport, das merkt man auch hier. Die 180 Starter teilen sich in 4 Gruppen auf. Jede Gruppe hat zwei Capitanos, ein Fahrzeug an der Spitze und eins am Ende. Wenn das Tempo gleichmäßig ist, die Begleitfahrzeuge eventuelle Ausreißer einbremsen und alle gut mitarbeiten, dann wird es vergnüglich. In meiner Gruppe war das so, wir haben dann zum Schluss auch darauf verzichtet, sinnlose Zielsprints zu veranstalten, sondern sind als Gruppe gemeinsam am Kap angekommen. Während der Fahrt stießen viele Leute aus anderen Gruppen zu uns, ein Zeichen, dass es bei uns wohl relativ chillig ablief.
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Rückblende 3: Die „Scheissetappe“: Sonntag früh gegen 4 geht es auf einer langen Abfahrt nach Neubrandenburg. Leider fangen hier auch ekliger Regen, Kälte und Wind an. Die Stimmung sinkt, in Altentreptow bei Kilometer 450 gibt es eine Rast, noch 150km+ vor uns. So richtig Bock hat keiner und der Besenwagen füllt sich. Die vor uns liegenden 100km bis Stralsund werden endlos, genauso wie die Straße die durch langweiliges plattes McPom führt, grau, Regen. Ab Grimmen sind es noch 30km. Nach einer halben Stunde Fahrt ein Straßenschild: Stralsund 29km? Scheiß Umleitung, da sind wir doch eine Ewigkeit nur im Kreis gefahren. Alles tut weh und Stralsund kommt nicht näher.
(Gänsehaut) Erlebnisse: Wenn stundenlang nebeneinander Rad fährt, fängt auch der größte Schweiger an zu quatschen. Wenn es einen nicht interessiert, sucht man sich einen neuen Nebenmann. Ansonsten führt man Gespräche über Gott und die Welt, und das hat nicht nur mit Radfahren oder Tourerlebnissen al a Brest-Paris- Brest oder London- Edinburgh zu tun (gegen diese Langstreckenfahrten soll FichKona angeblich eine Kaffeefahrt sein).
Von den meisten so auch von mir als Highlight empfunden: Mit der Polizei-Eskorte durch Potsdam.
Ein ganze Kradstaffel mit Blaulicht, die Kreuzungen nur für uns vollständig sperrt. Wir brausen durch die sommerabendliche Stadt wie bei einem Pro-Rennen. Potsdamer Nachtschwärmer jubeln uns zu, teilweise spontan, teilweise erwarten sie uns. Allein dafür lohnt es sich durchzuhalten.
Der absolute Gefühlsflash dann natürlich am Kap. Vorher nochmal ein endloser 50km Ritt über den Rügendamm bis Sargard, unser Tross blockiert fast zwei Stunden lang die Bundesstraße, überholen unmöglich, alles hinter uns hyperventiliert… Hinter Sargard nochmal eine 2km Kopfsteinpflasterpiste, für mich als Frühjahrsklassikerfreund aber eher ein Lacher.
Und dann: Die Sonne scheint, die la-ola Welle rollt, Jubel, Beifall, Massen an Menschen. Alle liegen sich in den Armen, klatschen ab und so manch einer, der bis hierher durchgehalten hat, bekommt etwas Feuchtigkeit in die Augen.
Sonstiges
Radwahl: Ich hab Sie alle lieb. Mein Radon, mein Focus und auch ein altes Diamant-Rad. Ich tat es, wie es der FC Barcelona mit seinen Torhütern tut: Jedem mal die Chance geben. Ich zog mein Focus Mares Crossbike dem Radon vor. Mit meinen 35mm Reifen war ich dann aber der absolute Exot im Feld und musste sicher auch etwas mehr Power aufwenden als alle anderen.
Pannen: Nach 80km war mein Vorderreifen platt, nach Turbowechsel verlief der Rest der Tour ohne weitere technische Besonderheiten.
Technik: Mein Garmin Edge vermeldete am Ende gleich mehrere persönliche Rekorde. Nach 10h Laufzeit musste ich es jedoch mit einem fetten 12Ah Akkupack bei Laune halten. Man rechnet bei Garmin auch nicht mit solch langen Touren, bei der Auswertung zeigt die Zeitachse nach ca. 12h nur noch kryptische Werte. Interessant ist es auch bei GarminConnect die imposante Anzahl an „Segmenten“ aufgelistet zu sehen, auf denen man während dieses Nord-Süd-Trips unterwegs war.
Stürze: In unserer Gruppe gab es keine! Das fand ich natürlich gut, aber auch obgleich der Randbedingungen (Teilnehmerzahl, Streckenlänge) einen besonderen Glücksumstand. Im gesamten Feld gab es wohl einen Armbruch, der in Wittenberg versorgt wurde.
Verpflegung: gab es in hervorragender Qualität und Quantität. Auch wenn sich der Appetit gelegentlich in Grenzen hält, sind die Verpflegungspunkte psychologisch wichtige Zwischenziele:
V1 bei Kilometer 104 Rochlitz V2 bei Kilometer 172 KURZ-RAST in Laußig V3 bei Kilometer 198 bei Kemberg V4 bei Kilometer 277 Vor Potsdam V5 bei Kilometer 366 NACHT-RAST in Gransee V6 bei Kilometer 451 Altentreptow V7 bei Kilometer 411 KURZ-RAST vor Grimmen V8 bei Kilometer 540 Stralsund
Wiederholungsfaktor: mittlerweile steigend.
Fazit: Eine empfehlenswerte Veranstaltung, für alle die Ihre Grenzen ausloten wollen, eine geografisch interessante Reise entlang der Süd-Nord-Achse des ehemaligen Ostens und eine Badefahrt der besonderen Art.